Ein gemeinsames Projekt des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung


ERST-ERÖFFNUNG: 8. November 2017 im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main

Die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum zeigt in der Kunsthalle Faust die Ausstellung SOS-Brutalismus – Rettet die Betonmonster! – ein gemeinsames Projekt des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt und der Wüstenrot-Stiftung. Die Brutalismus-Ausstellung wird gemeinsam mit der Kunsthalle Faust im Rahmen der Doppelausstellung `Archetypus – Utopien sozialer Architektur` gezeigt.

Der Begriff Brutalismus hat ursprünglich nichts mit dem Wort »brutal« zu tun, sondern stammt vom französischen Wort brut für »direkt, roh, herb«. Die britischen Architekten Alison Smithson und Peter Smithson haben das Wort Brutalismus im Jahr 1953 als erste in einem Zeitungsartikel erwähnt. Ihre Schule in Hunstanton, eingeweiht 1954, gilt als das erste brutalistische Gebäude weltweit. Es ist nicht »brutal«, sondern eher brut im ursprünglichen Sinne, also direkt und roh in der Erscheinung: Alle Bauelemente, bis hin zu den Waschbecken, werden ungeschönt zum Einsatz gebracht. In dieser Haltung erkannte der britische Kritiker Reyner Banham eine neue »Ethik« in der Architektur.

Der frühe Brutalismus der Schule in Hunstanton wurde schon bald von einer neuen Bedeutung des Wortes Brutalismus überlagert. Vorreiter war der Architekt Le Corbusier. Er errichtete nach dem zweiten Weltkrieg Gebäude wie die „Unité d´Habitation“ oder das Kloster „La Tourette“, deren Gestaltung stark von sehr rauem Sichtbeton – auf Französisch béton brut – geprägt war. Angespornt davon entwickelten Architekten in aller Welt Gebäude aus Sichtbeton.

Mit der Ausstellung wird erstmals die brutalistische Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im weltweiten Überblick gezeigt. Brutalistische Architektur zelebriert das Rohe, die nackte Konstruktion. Das ist enorm fotogen und wird sogar mittlerweile auf Facebook und Instagram bejubelt.

Städtebaulich steht der Brutalismus für die Abkehr von der Charta von Athen. Die Projekte sind häufig urban, verdichtete multifunktionale Großkomplexe als utopisches Bild einer Stadt für die Zukunft. An dieser Stelle berührt sich der künstlerische Teil der Doppelausstellung mit der Brutalismus-Ausstellung.

Diese Stadt der Zukunft errichteten die Architektur-Brutalisten nicht als Ergänzung der gewachsenen Stadt, sondern häufig als eigene Stadt in der vorhandenen Stadt. Deshalb haben sich Großkomplexe in den vergangenen 50 Jahren der weiteren Stadtentwicklung häufig als schwer verdaulich erwiesen. Der Titel der Ausstellung „SOS Brutalismus“ deutet es an. Einige Projekte waren unverdaulich und wurden bereits abgerissen, viele sind heute in ihrer Gebäude- aber auch in der gesellschaftlichen Strukturakzeptanz gefährdet. Es gibt jedoch Beispiele, bei denen es gelungen ist, die Struktur mit einer zeitgemäßen, angepassten sozialen Utopie einer Stadt zu erneuern. Aus diesem Grund hat die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum die Ausstellung nach Hannover geholt. Vor dem Hintergrund des gezeigten weltweiten Panoramas soll in der Stadtgesellschaft eine Diskussion angestoßen werden, mit welchen Nutzungen der seit Jahren verwaiste Sockel des Ihme-Zentrums zu einem integrierten Bestandteil der Stadt werden kann.

Die Idee, die Ausstellung SOS Brutalismus nach Hannover zu holen, wurde initiiert von Architektin Andrea Gerke und Architekt Gerd Runge, beide Mitglieder des Vereins Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum e.V.

Neben einem thematisch angelehnten Rahmenprogramm, z.B. eine Fahrradtour zu lokalen Brutalismus-Gebäuden, wird ab dem 12.09.2021 in den Räumen der Zukunftswerkstatt eine Ausstellung über die Entstehung und Visionen zum Ihme-Zentrum als Ergänzung gezeigt – kurz vor der 50sten Wiederkehr der Grundsteinlegung, die am 13.11.1971 stattfand.